Egal, woher diese Zahlen kommen sollen und obwohl das Thema hier schon mal durch war: Weil es für mich neu war, habe ich mich trotzdem mal ausführlich auf
http://www.kpu-berlin.de umgesehen.
Dort zeigt sich aber das altbekannte Muster schon auf der Startseite:
Hier wird dem staunenden Leser per Aha-Effekt eine ihm bisher selten bekannte Erklärung (KPU) für ein häufiges Phänomen (Hyperaktivität) präsentiert. Weil allzu neue, unüberprüfte Hypothesen sich auch schwer verkaufen, soll der Zusammenhang der Welt schon seit einem halben Jahrundert bekannt und angeblich auch neuzeitlich made in Germany bestätigt sein. Nur die böse Schulmedizin unterdrückt diese Erkenntnis skandalöser Weise seit Jahrzehnten.
Liest man trotzdem weiter, erweitert sich die Zielgruppe auf praktisch die gesamte Menschheit, denn neben ADHS gehören unter anderem Allergien, Krebs, Kinderkrankheiten, psychische Erkrankungen im Allgemeinen, Pilze, Parasiten, Frauenleiden sowie Suchterkrankungen zu den durch KPU hervorgerufenen Krankheitsbildern. Meine Familie müsste demnach auch dringend auf KPU untersucht werden, denn wir gehören schließlich zu den "Familien, die überwiegend Mädchen haben". Eng stehende Zähne, vegetarische Ernährung einerseits wie die Ablehnung von Gemüse andererseits, Lust auf Süßigkeiten , Nagelkauen, Schwangerschaftsstreifen, Haarausfall und Potenzprobleme sollen auch auf KPU hinweisen.
Ich habe mich schon gewundert, warum so häufige Probleme wie Demenz, Migräne, Bluthochdruck, Diabetes und Adipositas nicht berücksichtigt wurden, fand dann aber doch noch Unterzucker, Stressanfälligkeit, Schwindel, Übelkeit, sowie Gedächtnis- und Essstörungen im Allgemeinen als Gründe, sich auf KPU testen zu lassen. An anderer Stelle (Diagnose und Therapie/orthomolekulare Medizin) tauchen auch direkt Migräne, Diabetes, Hypertonie, Arthritis, Adipositas und - das hatte noch gefehlt - Herzerkrankungen auf, nebst Epilepsie und Autismus. Allerdings irgendwie zusammenhanglos. Obwohl also alle Pyrroliker sein können, sind Pyrroliker "anders", "nicht ganz normal" und oft den "normalen Mitbürgern suspekt".
Der weitere Text enthält zu viele medizinische Merkwürdigkeiten, um weiter darauf einzugehen, natürlich fehlen auch nicht die obligatorischen Hinweise, dass die KPU-Therapie es AD(H)Slern erspart, mit "Psychodrogen" "ruhiggestellt" zu werden.
Besonders auffällig: ausgerechnet bei AD(H)slern könne man sich bei der KPU-Diagnostik die Laboruntersuchung sparen und gleich mit Zink und Vitamin B6 anfangen.
also:
- pseudowissenschaftliches Verkäufergeschwätz mit deutlichen Falschinformationen, voller Unklarheiten und Widersprüche
- Diagnostik harmlos (Labor Urinprobe) und billig; preiswert aber nur, wenn man mit den gemessenen Werten etwas anfangen könnte
- für AD(H)S-ler Diagnostik nebulös (ohne Labor)
- Therapieempfehlungen teilweise gut im Bereich einer allgemein gesunden Ernährung und Lebensführung (Alibi, Feigenblatt oder der notwendige wahre Anteil von Halbwahrheiten ???)
- bei Nahrungsergänzungsmitteln teilweise bedenklich (Überdosierung Vitamin B6 und Zink möglich, NEM allgemein in Studien nicht als hilfreich, teilweise sogar als lebensverkürzend befunden).
- Das Hauptproblem auch hierbei: Verunsicherung sowie Verschwendung von Zeit, die für anerkannte Diagnostik und erfolgversprechende Therapie verloren geht. Das kann bei ernsthaften Erkrankungen wie Krebs oder auch bei Störungen der seelischen, sozialen und schulischen Entwicklung von Kindern unverantwortbare Folgen haben.
Man könnte das Ganze auch verstehen als einen gehässigen ironischen Seitenhieb auf eine (allerdings verzerrt dargestellte und falsch verstandene) AD(H)S-Diagnostik, die vorschnell von ein paar weit verbreiteten, einzeln schwer von Normalbereich abzugrenzenden Symptomen zu einem umstrittenen Ergebnis kommt.
Andersherum betrachtet, tun hier Kritiker der schulmedizinisch verbreiteten kombiniert neurobiologisch-psychosozialen Erklärung von ADHS und der entsprechenden, ggf. auch medikamentösen Behandlung ganz exzessiv gerade das, was sie der Gegenseite nur zum Teil zu Recht vorwerfen: Aus Allerweltssymptomen auf ein beschreibendes Konstrukt schließen, das viel zu umfassend ist, um von der Zugehörigkeit zur Gruppe der von dieser Diagnose Betroffenen auf eine erfolgversprechende Therapie zu schließen. Dazu noch ein sehr lückenhaftes Erklärungsmodell und keinerlei Beweise.
Am Beispiel:
Schwangerschaftsstreifen + Laborwerte -> "Diagnose" KPU -> Therapie: Zink + B6 -> Heilung (Schwangerschaftsstreifen verschwinden mit der Zeit)!
Zappeligkeit + Vergesslichkeit + Impulsivität -> Labor unnötig -> "Diagnose" KPU -> Therapie: Zink + B6 bringen schnellen Erfolg, oder doch Hirn-Ruhigstellung per Osteopathie- und Craniosakral-Therapie oder mit anderen Beruhigungsmaßnahmen (ja, was denn nun? Hauptsache nicht mit Psychopharmaka "ruhigstellen") -> ???
Statt mitzuhelfen, im Rahmen berechtigter Kritik die tatsächlichen Schwächen der AD(H)S-Diagnostik und -Therapie (aus Unkenntnis, Schnellschüssen, Forschungsdefiziten, Vorurteilen, strukturelle Mängeln in Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen,...) zu überwinden scheint es (finanziell) lukrativer zu sein, mit Angstmache vor "Psychodrogen" scheinbar alternative Heilsversprechen zu verkaufen.
Klar, auch echte Wissenschaft und "Schulmedizin" arbeiten immer nur auf Basis des aktuellen Irrtums. Manches heute belächelte kann morgen Stand der Forschung sein. Aber zwischen den sensationellen Lichtblitzen erfolgreich quergedachter Ideen tummelt sich eben auch viel gewöhnlicher Geschäftssinn. Nicht alles, was wir nicht verstehen, ist Unsinn. Manches aber eben doch!
Fazit: Wirklich nichts neues!
LG
Steffchen